- Leseprobe -


- Twelfthnight - Die zwölfte Nacht -


Charlotte Lyne and Henry VIII

Der Knabe war an die Brüstung vorgestürmt und beugte sich hinüber. Catherine stellte sich zu ihm und fasste ihn beim Arm, nicht sicher, ob sie das Kind zu halten wünschte oder selbst Halt suchte. Vor ihr zerfloss der rote Himmel. Die Reihe französischer Schiffe begrenzte die Sicht auf den Solent. Das Meer hatte begonnen, sich zu kräuseln, und schäumte, wo Kanonenkugeln ihm Krater schlugen. Die englische Flotte, Ruderbarken, Dreimaster und die mächtigen, viermastigen Schlachtschiffe setzten sich im Wind, der aufkam, in Bewegung. An ihrer Spitze, Segel leuchtend, Banner und Wimpel flatternd, glitt die Mary Rose.
Wie schön sie war! Welche Freude musste ein Mann, der Schiffe liebte, an der Grazie dieser gewichtigen Karacke haben. In Catherines Rücken klang Musik auf, Krummhornbläser und Lautenschläger, die zum Essen aufspielten. Schritte und Stimmen erfüllten die Plattform, die Gäste trafen ein, die Befehlshaber der Landtruppen und Alice Carew. Die Männer waren in ein Gespräch über Freibeuter vertieft, die man zu Überfällen in der Seinemündung ermutigt habe, um die französische Flotte zu schädigen. Hin und her flogen Worte, in die sich sorgloses Gelächter mischte. Dann kam der König. Die Versammelten verstummten und sanken auf die Knie. Catherine hatte sich umgedreht, wollte ihrem Mann entgegengehen, aber er bedeutete ihr, stehen zu bleiben. Sein kleiner Mund war zum Lächeln verkniffen, womöglich gerührt von Weib und Kind, die seine Flotte bewunderten. Er kam zu ihnen, ein Bein hinterdrein schleppend wie ein erlegtes Tier.
„Nun Weib? Ist das kein Anblick, der das Herz erwärmt?“ Er reichte ihr den Arm. „Schließt Euch uns an, my lady Carew. Seht, was Euer Gemahl für ein Kunststück vollbringt.“
Die Frau trat zu ihnen. Ein Windstoss erfasste ihre Haube, „Vater, Vater“, rief der kleine Prinz. „Sie ist der Stolz unserer Flotte, ist es nicht so?“
„So ist es.“ Schwer ging des Königs Atem neben Catherine. „Das Schiff Unserer Jugend, die Mary Rose, benannt nach der süßen Schwester, die schon so lange nicht mehr ist. Schätzt Euch glücklich, my lady Carew, mit Eurer weit verzweigten Sippe. Euer König hingegen hat keine Familie als diesen Augapfel von Sohn.“
Kanonendonner ließ ihn schweigen. Die Mary Rose hatte eine Breitseite abgefeuert, obgleich sie von der nächsten französischen Galeere für einen Treffer zu weit entfernt war. So deutlich zeichneten sich ihre Linien, so nah schien sie, dass Catherine glaubte, in dem Getümmel an Bord einen Mann zu erkennen, den Schnitt seiner Kleidung und die Farbe seines Haars. Verwehte Rufe drangen herüber, eine einzelne Stimme schälte sich vermeintlich aus den Übrigen. Das Schiff, schräg am Wind, die Segel sich blähend, setzte zur Wende an. Eine wilde Bö riss Catherine das Tuch vom Hals. Ehe sie danach greifen konnte, flog das blaue Gespinst über die Brüstung und segelte in Schleifen in die Tiefe.
Die Mary Rose schoss scharf herum, legte sich in die Biege. So tief senkte sich der Schiffsleib aufs Gezüngel der Wellen, dass die Banner ins Wasser lappten. Gleich würde sie sich erheben, in die Höhe schnellen und weitergleiten. Noch nicht. Und noch nicht. Berührte nicht der hölzerne Rumpf die Meeresfläche? Aber aus diesem Rumpf ragten Kanonenrohre, alle Scharten geöffnet wie Tore für die Flut. „Zu tief!“ brüllte Lady Carew, über die Brüstung gebeugt, „zu tief, zu tief!“ Gleich darauf zerriss ein grauenhaftes Schreien die Luft, Klagegeheul um das Ende der Welt. Erst als sie nicht aufhören konnte, als dieses Geschrei durch ihren Schädel dröhnte, wurde Catherine klar, dass sie es selbst war, die schrie.
Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Aber ich habe einen, und wenn der eine von der Welt geht, ist mir die Welt ein Nichts. Das Schiff neigte sich tiefer. Die fahrbaren Kanonen und die viel zu vielen Menschen rutschten auf die Seite, die aufs Wasser niederging. An Bugspriet und Fockmast klammerten sich Leiber wie Trauben. Wer versuchte, das Vorderkastell zu erklimmen, stürzte geradewegs in die Tiefe. Köpfe tanzten auf den Wellen, Arme reckten sich, Schreie gellten, wurden verschluckt und verhallten. Catherine schrie weiter. Am blutroten Himmel lief ihr Leben vor ihr ab.
Sie war wieder ein Kind, auf einer Baumwurzel kauernd, sein Arm um ihren Rücken. Sein Lachen im Ohr. Wenn sie aufblickte, das verschwörerische Funkeln seiner Augen. Sie war wieder ein Mädchen, nicht ganz siebzehn, seine Hände um ihre Mitte, sein Duft, der ihr vom Leben erzählte, ihr ein Schäferlied sang. Sie war wieder eine Frau. Ihr heil geküsster Leib auf seinem, ihr Evangelium im Weinkeller, Agape heißt Liebe, alle Liebe ist eins. Sie war wieder ganz Cathie. Schreib ein Buch von der Liebe, meine Zyperblume. Für böse Menschen wie mich.
Der Schiffsleib versank. Nur zwei Masten ragten noch aus dem Wasser, von denen Körper plumpsten wie abgepflückt. Einer der Ersaufenden streckte die Arme nach ihr, wuchs auf sie zu, bekam ein Gesicht, durchnässtes Haar, in Todesfurcht geweitete Augen. Catherine ergriff die Brüstung und zog sich hinauf. Über dem Kopf des Mannes schloss sich Schaum. Sie sprang ab und schrie.
Hände packten sie, rissen sie zurück. Arme schlangen sich um das rasende Flattern, das von ihrem Körper übrig war, schlossen es ein, pressten es hart an eine kräftig atmende Brust. Catherine schrie weiter, dann ging das Schreien in Schluchzen über, haltlos, endlos, Tränen, die in Bächen stürzten, Glieder, die sich schüttelten, und der Mann, der sie hielt, vollzog jedes Schütteln mit. Endlich befreiten sich ihre Hände, ballten sich zu Fäusten, trommelten auf sein Gesicht ein, weich, ohne ein Haar zu krümmen, und aus dem Weinen wurde Lachen, das irre Brüllen seines Namens.
„Ich bin ja hier, Cathie. Am Leben. Hier.“
Seine Hände fingen ihre Gelenke. Ließen los, umfassten ihre Wangen. Seine Augen im roten Licht, im Fackelschein, in ihren. Die Welt in Splittern von Grün und Braun. „Siehst du mich, Cathie? Es ist gut. Ich bin hier.“ Er zog sie wieder zu sich. Bettete ihren Kopf auf sein Herz und ließ sie weinen.

Erscheint bei Blanvalet,
Juni 2008
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