- Leseprobe -


Woche um Woche war Schnee gefallen und hatte das Land in Stille gehüllt. Jetzt aber fiel nurmehr Regen in feinen Fäden und der Schnee schmolz in den Straßengräben. Wo Vinetas Fischer ihre Hütten gehabt hatten, wo ihre Kinder Fangen gespielt und ihre Frauen verschossene Wäsche zum Trocknen unter die Dächer gehängt hatten, erstreckte sich eine Wüste aus Schlamm. Obenauf trieben tote Ziegen, ein paar Hühner, ein Schwein mit aufgeschwemmtem Bauch. Aus dem Morast ragten Baumwipfel und hie und da Reste der zerborstenen Deichkuppe. An den Rändern des Schlammsees drängten sich auf bröckelnden Schollen Menschen, die versuchten, mit Stangen und Schaufeln ihr Hab und Gut aus dem Schlick zu fischen. Andere stocherten nach den Leibern der Verlorenen. Eine halbnackte, auf einer treibenden Häuserwand kniende Frau hielt ein lebloses Mädchen auf den Armen und heulte wie eine Wölfin in den Himmel. Das Meer lag ruhig bis auf ein flaches Plätschern. Vollgeschlungen und müde sang es sich selbst ein Schlummerlied.
Warti tat, was man von ihm erwartete. Er übernahm das Kommando. Befehle bellend scheuchte er Menschen von den Erdbrocken, teilte Helfer in Gruppen, wies sie an, Schlamm zu Wällen aufzuschaufeln, Sand in Säcke zu füllen und diese vor den Häusern oberhalb der Unglücksstelle aufzureihen, Wasser aus Fenstern zu schöpfen, Verletzte und Verkühlte zu versorgen, für geborgene Tote um Segen zu bitten. Umherirrende Kinder gab er in die Obhut der nächstbesten Frauen. Er war überall zugleich, trieb an, ermutigte, schickte Entkräftete heim. Dass Regen fiel, dass der Tag heraufzog, dass ihm Schweiß in Bächen Brust und Rücken herunterrann, bemerkte er nicht.
Zuletzt griff er sich selbst eine Schaufel und schippte wie von Sinnen, ohne mit seiner Kraft hauszuhalten, Morast aus der Grube. Sein Haar, getränkt von Schweiß und Regen, hing ihm in die Augen, und Dreck spritzte in sein Gesicht. Der Schlamm warf Blasen und ließ glucksende Geräusche hören, als rege sich darunter noch Leben. Aber da lebte nichts mehr. Die schwarze Brühe stank nach Fäulnis und Tod. Die Kadaver der Ertrunkenen würden das Wasser verpesten, Brunnen müssten gesperrt werden, damit nicht Seuchen die Stadt überschwemmten.
Wartis Schaufel stieß auf Widerstand und förderte einen Kessel zutage. Gestern noch mochten rührige Hände ihn über ein Feuer gehängt und mit der Kelle schwach verbrannte Milch daraus geschöpft haben. Jetzt würde niemand mehr daraus trinken, so als hätte es keinen von ihnen gegeben. Warti ließ den Kessel zurück in die Tunke sinken. Das Geschrei und Klagen der Menschen, die sich hinter der Absperrung drängten, nahm er wie aus der Ferne wahr. Seine Wangen hinunter, durch die Kruste aus Schlamm, rannen Tränen.
Eine Hand zupfte an seinem Ärmel. „Warti, mein Freund.“
Er drehte sich um. Auf der Scholle neben ihm schwankte Zemu und hielt seine junge Frau Kveta an der Hand. Das Mädchen trug den Ratsherrenmantel ihres Mannes um die Schultern. Ihre Hände umklammerten den Henkel einer Milchkanne. „Bist du von Sinnen?“ fuhr Warti den Kleineren an. „Ich habe verboten, Frauen hierher durchzulassen. Weißt du, was ihr geschieht, wenn sie einen falschen Schritt setzt? Da unten im Moder verschwindet sie, auf Nimmerwiedersehen.“ Die Stimme brach ihm. Er musste sich auf den Stiel der Schaufel stützen und nach Atem ringen.
„Nun, nun.“ Besänftigend wollte Zemu ihm den Arm klopfen, aber Warti stieß ihn unwirsch weg. „Wir dachten nur, du könntest ein Horn voll heißer Milch gebrauchen. Du musst ausruhen, Warti. Davon, dass du dich schindest, bis du umfällst, wird nichts wieder heil.“
„Ausruhen?“, Ohne Verständnis starrte er den anderen an.
„Wofür bestrafst du dich?“ fragte Zemu. „Du hast für die Verstärkung der Deiche gestimmt, dich trifft doch keine Schuld.“
„Keine Schuld?“ Die Schaufel, die er von neuem in den Schlamm stieß, hätte er sich mit gleicher Härte auf den Rücken dreschen wollen. „Um des lieben Friedens willen habe ich mich überstimmen lassen. Müde war ich und wollte nach Hause, also habe ich Guter zugestimmt, wiewohl ich wusste, dass er schon lange nur noch ein selbstgefälliger Greis ist. Wiewohl ich wusste, in Vineta darf kein Deich je vernachlässigt werden.“ Er wandte sich ab. Eine Woge von Verzweiflung erfasste seinen Körper, dass er um ein Haar den Halt verlor. „Und wer bezahlt für meine Unlust? Die da unten. Die im Schlamm erstickt sind und nicht einmal mit dem Finger auf mich weisen können.“
„Beim guten Gott Svarog, Warti...“
„Troll dich, Zemu. Bring deine Frau nach Haus.“
Einen Moment lang zögerte der kleine Mann, dann zuckte er die Schultern und zog mit Kveta davon. Warti schloss seine zitternden Hände um den Stiel der Schaufel. Es regnete. Vor seinen Augen begann der Morast sich zu drehen. In den Ohren, im ganzen Schädel rauschte sein Blut. Er stürzte vornüber, landete auf Händen und Knien wie ein Tier. Mit dem nächsten Herzschlag drang die Stimme zu ihm. Russisch, nicht Pomoranisch. Er hatte sie nie zuvor gehört.
„Lasst mich durch, lasst mich zu ihm. Ich bin Natalia Sliwosz.“
Brüchig und aufgeraut war die Stimme, wie kostbarer Stoff, den man in seiner Truhe bewahrt und vergisst. Seine Frau war bei ihm, ehe er zu Sinnen kam. Mit ihren schmalen Händen half sie ihm auf und legte federleicht die Arme um ihn. „Es ist ja gut jetzt. Alles gut.“
Er öffnete den Mund, aber brachte kein Wort heraus.
Sie hob eine Hand an seine Wange, strich ihm über tränennasse, schlammverklebte Haut. Eine Zeitlang betrachteten sie einander, dann schloss sie ihn von neuem in die Arme. Sein Gesicht drückte sie auf ihre Schulter nieder und ließ ihn weinen, liebkoste ihm den bebenden Rücken, bis er sich beruhigt hatte. Endlich hob er den Kopf und suchte ihren Blick. „Natalia.“
Ihre bernsteinbraunen Augen sahen ihn an.
„Du sprichst. Du bist hergekommen. Heißt das, dass du mir verzeihen kannst?“
Sie sagte nichts.
„Nein, nicht das, Natalia, das ertrage ich nicht. Straf mich nicht wieder durch Schweigen, auch wenn ich nichts Besseres verdiene. Sprich jetzt. Verzeihst du mir?“
Sie hob eine Hand und legte sie auf seine Lippen. „Ja, Wartislaw. Was immer du getan hast. Ja.“

Erscheint bei Blanvalet,
Dezember 2007
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