- Leseprobe -
- Das Haus Gottes -
Aimery wandte sich ab. Mit einem Blick sah er, was er gefürchtet hatte. Die englisch beflaggten Schiffe ragten vor ihnen auf wie Berge, an denen käme keiner vorbei. Genueser Galeeren, deren Schönheit ihn selbst jetzt berührte. Sie waren hier, um zu landen. Etliche Boote waren zu Wasser gelassen, andere hatten, ehe endlich Hetfends Horn ertönt war, im Hafenbecken angelegt. Der Himmel war ein Gewirr aus Brandgeschossen, wie in der Sternschnuppennacht im hohen Sommer. Am Bug der Galeere, die auf die Solent zu glitt, konnte Aimery die Rutte ausmachen, deren Bolzen der Schütze eben mit einem Brandsatz belud. Vermutlich Pech und Salpeter und selbst mit Fluten von Wasser kaum zu löschen.
Aber was er gehofft hatte, sah er auch: Sein Schiff, das er Dorothy genannt hatte, lag nicht mehr hinter der Mauer, sondern hatte sich in die verschlickte Bucht vor Portchester gerettet, in die ihm niemand folgen würde. Die Solent war verloren, eine Beute des Feuers wie die Karacken des Königs, die lichterloh brannten. An der Bordwand stand Hetfend, vornüber gebeugt. Die Hand, die das Horn hielt, baumelte herab. „Ins Wasser“, brüllte Aimery. In die erstarrten Männer geriet Bewegung. Wer eine der Trossen erwischte oder kühn war und sprang, wer schwimmen konnte, die paar Stöße zur Mauer, mochte sich retten.
Ihm blieb nichts übrig, als Hetfend zu helfen, der vor sich hin stammelte und am ganzen Leib bebte. Die Stufen standen dem Master zu, ebenso das Beiboot. Ihn hinunter zu befördern, voranzugehen und den Stämmigen unterm Gesäß zu stützen, war ein unsägliches Unterfangen. Sie hatten die dritte Stufe erreicht, als der Brandsatz ins Achterkastell schlug. Eine Stichflamme stob in die Höhe, und unter Krachen brach das Holzgerüst zusammen. Aimery wurde schwarz vor Augen. Aus seiner Nase strömte Blut, und in seine Schulter, den Arm, der Hetfends Gewicht stemmte, bohrte sich ein Schmerz, als werde das Glied um sich gedreht. Vor sich im Schwarz sah er das Schindeldach, das er gebaut hatte. Für dich, Helewise. Aus duftendem Fichtenholz ist unser Dach. Er grub die Zähne in die Lippen, bis er den Schmerz in der Schulter nicht mehr spürte. Geh weiter, Nichtsnutz. Geh weiter.
Unten stieß er den Master ins Boot. Der landete auf dem Rücken, streckte die vier Glieder von sich. Aimery ekelte sich. Er winkte einen der Schwimmenden heran, hielt ihm die Hand hin und half ihm ins Boot. Was der Durchnässte zu ihm sagte, hörte er nicht, sondern überließ die beiden sich selbst.
Brennend fing das salzige Wasser seinen wundgeprügelten Körper auf. Brannte Feuer ebenso, wenn es einen Leib erfasste, oder tausendfach? Er sah seine Hände an, die nach der Mauer hangelten. Dann rettete ihn nichts mehr davor, die Stadt zu sehen. Seine Stadt Portsmouth. Helewises Stadt. Die vor seinen Augen niederbrannte.
Aus den Hafengebäuden erhob sich ein Wall aus Flammen. Von dort wühlte sich das Feuer wie ein Quell, der Priele bildete, kreuz und quer durch die Stadt. Es sprang über, schleuderte Funken von einem Dachgebälk aufs nächste, hüpfte grellrot und grellgelb von Haus zu Haus. Eine Ziege mit flackerndem Schwanz floh in den Schlick. Wer im Flammenmeer der Häuser steckte, durfte Aimery nicht kümmern. Wind von Südwesten trieb das Feuer aufwärts, fächerte es auf, so dass es ihm jederzeit den Weg abschneiden konnte. Er musste im Nordosten, auf der windabgewandten Seite in die Oberstadt, er musste rennen, musste beten und hatte es verlernt.
O Gott, o Gott, o Gott. In seinem Schädel rasten Trommelschlegel, hallte jeder seiner Schritte wider. Lass mich nicht zu spät kommen, gib mir nicht die Schuld an noch mehr Tod. Aus allen Gassen strömten Menschen. Im Gedränge vermeinte er, das Gesicht des Mädchens zu sehen, deren Namen er einem Schiff gegeben hatte. Sie hatte grünliche Augen. Aimery stieß einen Taumelnden beiseite und rannte weiter. Ich flehe dich an, Gott. Ich flehe dich an.
Keine zehn Schritte vor der Hauptstraße hatte Dorothy umkehren müssen. Durch Rauchschwaden, die sich ihr entgegenwälzten, hatte sie sich hustend und röchelnd vorwärts geschlagen, aber dann fraß sich in ihr Gesicht, ihre Arme, in jedes Stück Haut ein Brennen, das sich nicht ertragen ließ. Sie wollte sich vorwärts zwingen, hinter der Feuerwand waren ihre Kinder, aber ihre Beine verweigerten sich. Sie floh zurück und bog in eine Seitengasse ein.
Dort brannte noch kein Gebäude. Dorothy schöpfte Hoffnung: Oben in der Thomasgasse, wo die Stadt sich lichtete, die Häuser sich nicht wie Schafe aneinanderdrängten, wäre die Hölle zu Ende. Ihre Kinder waren in Sicherheit, der kleine Clement, der noch nicht laufen konnte, würde im Wohnraum am Boden hocken und zusehen, wie sein Vater für ihn das Holzschiff schob. Im Eingang der Garküche warfen drei Kerle in Waffenröcken sich auf die dicke Rose, die wie aufgespießt brüllte. Dorothy hatte keine Zeit, stehen zu bleiben.
Sie musste noch einen Umweg nehmen, das Haus des Schneiders umrunden, um einer Horde der blauberockten Kerle auszuweichen. Waren das Franzosen und hatten die ihre Stadt angesteckt? Zwei von denen trugen Kienfackeln, aber das musste nichts bedeuten. Dorothy rannte. Hinter den himmelhohen Platanen sah sie den Feuerschein. Das Haus des Bailiffs brannte. Das Backhaus brannte. Ihr Körper, von dem sie geglaubt hatte, ihm ginge sogleich die Kraft aus, warf sich in den Lauf wie eine Welle, raste, stürmte, flog.
In der Mitte der Gasse blieb sie stehen. Ihr Blick erfasste Teile des Bildes, ohne sie zusammenzusetzen. Verstreut, wie hingeworfen, sah sie Menschen, die schwankten oder sich im Liegen krümmten. Drei Leiber lagen auf der harten Erde aufgereiht. Nicht ganz ausgewachsene Leiber, über denen Matilda kniete undden Oberkörper heulend auf und nieder warf. Sie wird ihr Kind verlieren, wenn sie sich so wirft, dachte Dorothy. Matildas Haus brannte. Ihr kleines Mädchen, Catin, lief in Kreisen über die Gasse. Dorothys Haus brannte auch. Das hohe Schindeldach stand in Flammen, der Dachstuhl geborsten, die in Brand gesetzten Balken in den Schüttboden ragend. Unter dem Schüttboden lag ihre Kammer.
Aber es war ja kein Mensch in der Kammer. Ihre Kinder waren bei Symond, der hatte sie nach Sudewede getragen, ehe das Feuer das Haus erreichte, ins Feuchte, wo kein Qualm den empfindlichen Clement zum Husten reizte. Dort würden sie warten, bis der Irrsinn vorüber war. O Gott, o Gott, o Gott. Warum hörte der Sturm in ihrem Kopf nicht auf? Sie musste Atem holen, ihr ganzer Brustkorb schmerzte.
Jemand rief sie. „Mistress, Mistress.“ Eine Frauenstimme, die Worte im Gejaule kaum verständlich. Auf sie zugetaumelt kam die Magd Hilda im angesengten Kleid. „Alle tot sind sie, alle zu Asche, Eure Kleinen und meine, mein Hugh und der alte Master Francis!“ Vor Dorothy stürzte das Weib in die Knie, fiel zur Seite, suhlte sich am Boden und wimmerte. Sie trug kein Gebende. Ihr verfilztes Haar wischte über die Erde.
Dorothy fuhr sich mit beiden Händen an den Hals. Ihre Daumen bohrten sich in ihre Kehle, in ihrem Kopf dröhnte hohl ihr Herz. Dann hallten Schritte durch das Gewirr aus Schreien und krachenden Balken. Sie sah nach der Seite, sah den Schwarzen, der auf ihr Haus zu rannte. „Das Hoftor“, brüllte er, und warf sich gleich darauf aus vollem Lauf dagegen, dass das Holz des Tores barst.
Dorothy war bei ihm, ehe sie denken konnte, zwängte sich hinter ihm durch den Spalt und wollte an ihm vorbei. War es vorn auf der Gasse bereits laut gewesen, so herrschte hier betäubendes Getöse. In den Verschlägen brüllte das Vieh, und unter Knistern und Prasseln schlang das Feuer ihre Welt auf. Rauch quoll ihr in die Lungen. Der Schwarze wandte den Kopf. In einem Zeitfunken trafen sich durch Qualm ihre Blicke.
Nein, sagte seiner.
Doch, sagte ihrer.
Er nickte und kämpfte sich weiter, bahnte ihr voran den Weg.
Ein niedriges Feuerrinnsal kroch über die Schwelle der mit Rauch gefüllten Küche. Sie sprangen darüber hinweg. So abrupt blieb der Schwarze stehen, dass Dorothy gegen seinen Rücken prallte. Sie drängte an ihm vorbei, er ging rückwärts, schleifte etwas Schweres mit sich. Einen Menschen. Francis. Er zog ihn ins Freie. Dorothy stolperte weiter.
Auch der Wohnraum war voller Rauch, der ihr den Atem verdickte. Inseln aus Feuer blendeten sie. Aus der Zwischendecke war ein brennender Balken gebrochen, ein zweiter hing von Flammen umzüngelt herab. Auch das Geländer der Stiege brannte, dichte Schwaden verhüllten die Stufen. Der Schwarze holte sie ein. Sie zweifelte nicht, und er zweifelte auch nicht. Sie mussten dort hinauf.
Er gab ihr etwas. Sie konnte nichts sehen, aber als er es ihr auf den Mund presste, schmeckte sie nassen Stoff. Es half ein wenig, verschaffte Luft. Dicht aneinandergepresst liefen sie die Stiege hinauf. Das Krachen und Zischen schwoll, wie um ihr den Kopf zu sprengen. Glut traf ihre Stirn, schien Haut und Knochen zu zerfetzen, aber ihr Schrei war nicht einmal zu hören. Der Schwarze riss sie nach vorne und schlug ihr auf die Stirn. Hinter ihr brach Donner los. Vor ihren Augen war nichts als eine Flut aus Funken.
Als sie wieder etwas sah, stieß er die Tür der Kammer auf. Hier war der Rauch nicht so dicht. Am Fußende brannte ein Bettpfosten, aber nur als sei eine Kerze umgestürzt. Am Kopf, auf unversehrten Laken, lag ihr kleiner Junge, der schlief. Sie stürzte zum Bett und riss ihn an sich, spürte seine Ganzheit, Kopf, Schulter, Rippen, allem Schmerz, aller Atemnot zum Trotz. Ihre Arme umschlossen, schirmten ihn. Mit dem nächsten Herzschlag bekam sie mehr Luft. Der Schwarze stand beim Fenster, hatte den Laden aufgestoßen, hielt auf dem Arm den schlaffen Leib Richildas, die sich offenbar aus dem Bett und bis zur Wand gekämpft hatte.
Gelobt sei Gott! Dorothy wandte sich zur Tür.
„Nicht“, rief der Schwarze. Seine Stimme splitterte. „Die Treppe brennt. Wir müssen hier hinaus.“
Er wollte ihr ihren Jungen wegnehmen. Dorothy gab ihn nicht her. Also packte er sie, bog ihr den Kopf aus dem Fenster und zeigte ihr den Vorsprung des Balkens, auf den sie würde steigen müssen. Sie begriff. Er kletterte tagaus tagein auf Schiffen umher, aber sie würde es niemals schaffen. Sie gab Clement frei. Der Schwarze löste den Strick von seiner Mitte und band damit die Kinderkörper vor seiner Brust fest, so dass ein Arm genügte, sie zu halten. „Wenn ich unten bin, springst du, hörst du?“
Sie sagte nichts. Starrte gebannt durch Schleier von Rauch.Er krallte die freie Hand um den Sims und ließ sich hinunter, den Leib erst zusammengeballt, dann Zoll um Zoll sich streckend, bis sein Fuß den Balken erreichte. Sie hätte jubeln wollen, hätte sie noch eine Stimme gehabt. Gelobt sei Gott. Bis zum nächsten Vorsprung gelangte er, sein Körper ein Wunderwerkzeug, das sich aufs Langsamste auffalten ließ, dann rutschte er ab und fiel, aber war längst tief genug, um den Fall abzufangen. Er landete auf dem Rücken, ihre Kinder geschützt auf seinem Bauch. Gelobt sei Gott! Als er sich aufgerappelt und Clement und Richilda zu Boden gelegt hatte, breitete er die Arme aus. Dorothy zwängte sich auf den Sims. Sie hatte keinerlei Angst. Wir werden leben. Sie sprang.
Der Flug durch die Luft war ein Rauschen und vorüber, ehe er begann. Der Schwarze fing sie, stürzte mit ihr hintenüber. In ihre Brust schoss ein Schmerz, der ihr für kurze Zeit die Sinne raubte. Als sie sich fasste, bekam sie keine Luft. Sie mussten hier weg, mussten die Kinder aus dem beißenden Rauch schaffen. Die Kraft zum Aufstehen fand sie, und als sie stand, fand sie neue, bückte sich, ohne etwas sehen zu können, und hob beide Kinder auf. Eines, das Mädchen, regte sich in ihrem Arm. „Los, hoch“, krächzte sie und trat nach dem Bein des Schwarzen. Dich lass ich nicht hier. Er kam zu sich, kämpfte sich auf und nahm ihr Richilda ab. Zu viert stürzten sie aus der Hölle des Hofes, sprangen über Flammen hinweg und flohen in Sicherheit.
erhältlich im Club Bertelsmann
Bestell-Nr. 094426012
656 Seiten
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Hochwertige Ausstattung mit farbigem Vorsatzpapier, Leseband und persönlichem Grußwort der Autorin.
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